"Brände: Solaranlagen bremsen Feuerwehr"

Artikel aus der Stuttgarter Zeitung vom 13.04.2010 (Online-Ausgabe)
Stuttgart - Es ist der Albtraum jedes Hausbesitzers. Das Eigenheim steht in Flammen, die Feuerwehr ist vor Ort - doch sie kann nichts tun. Weil Gefahr für Leib und Leben der Wehrmänner besteht, müssen sie ohnmächtig zusehen, wie das Feuer wütet.
Von Andreas Müller und Hildegund Oßwald
Geschehen ist das unlängst im ostfriesischen Schwerinsdorf. Unter den Augen der Feuerwehr brannte ein fast neues Einfamilienhaus dort bis auf die Grundmauern nieder. Der Grund war eine großflächige Fotovoltaikanlage auf dem Dach, die sich nicht abschalten ließ und munter weiter Strom produzierte. "Das Risiko, bei dem Löscheinsatz einen elektrischen Schlag zu bekommen, war einfach zu groß", zitierte die Lokalzeitung den Einsatzleiter. Dessen bitteres Fazit: "Wir mussten das Haus kontrolliert abbrennen lassen."
Bundesweit hat der Fall aus Ostfriesland in Fachkreisen großes Aufsehen erregt. Auch in Baden-Württemberg schärft er das Bewusstsein für ein relativ neues Problem bei der Brandbekämpfung. Noch gab es im Südwesten zwar keinen vergleichbaren Vorgang, soweit es der Landesbranddirektor Hermann Schröder weiß. Doch die Gefahr durch Fotovoltaikanlagen bereitet den Wehrleuten durchaus Sorgen. Seit dem vorigen Jahr beschäftigten sie sich verstärkt mit den Tücken des Sonnenstroms, inzwischen diskutiert die Politik bereits über gesetzgeberische Gegenmaßnahmen.
Schwere Stromschläge sind möglich
Es ist die bisher wenig beachtete Schattenseite eines Booms. Mehr als eine halbe Million Fotovoltaikanlagen erzeugen in Deutschland mittlerweile Strom. Auch zwischen Bodensee und Odenwald sieht man immer häufiger Solarmodule auf den Dächern. Bund, Länder und Kommunen fördern die umweltfreundliche Art der Stromproduktion großzügig, es winken attraktive Renditen. Auch die gerade heiß diskutierte Kürzung der Subventionen dürfte den Trend nicht stoppen.
Zuverlässig erzeugen die Module Energie - doch gerade diese Zuverlässigkeit ist im Brandfall das Problem der Feuerwehr. Solange Licht auf die Zellen fällt, stehen die Leitungen unter Spannung; schon die künstliche Beleuchtung durch Scheinwerfer genügt. Von 120 Volt an herrscht bei Gleichstrom Gefahr durch einen elektrischen Schlag, bei in Reihe geschalteten Solarmodulen entstehen Spannungen bis zu 900 Volt. Zwischen den Modulen und dem sogenannten Wechselrichter, der die Gleichspannung in Wechselspannung fürs öffentliche Netz umwandelt, besteht laut Experten immer eine Spannung - selbst wenn die Einrichtung zur Netzüberwachung abgeschaltet ist. In mindestens zwei Fällen seien Wehrleute "durch Stromschläge zu Schaden gekommen", hieß es kürzlich bei einer Tagung der Fachleute aus den Landesinnenminsterien: einer in Nordrhein-Westfalen, einer in Luxemburg.
"Das Problem ist erkannt", sagt eine Sprecherin des Stuttgarter Innenministers Heribert Rech - und das nicht erst seit dem Fall in Ostfriesland. Schon 2009 habe die Landesfeuerwehrschule in Bruchsal entsprechende Hinweise für den Einsatzleiter erlassen. Bei einer Zunahme der installierten Anlagen um 60 Prozent allein in den beiden zurückliegenden Jahren, heißt es darin, steige die Wahrscheinlichkeit, "bei der Hilfeleistung auf Objekte mit installierten Fotovoltaikanlagen zu treffen". Umso wichtiger seien Informationen über die Technik der Anlagen, die Gefahren und das richtige Verhalten.
Neue Richtlinien sollen Sicherheit bringen
Der wichtigste Rat der Feuerwehrschule lautet, genügend Sicherheitsabstand zu spannungsführenden Anlagenteilen zu wahren: ein Meter bei der Bekämpfung mit Sprühstrahl, fünf Meter beim Vollstrahl. Zudem sei "das Betreten der Module grundsätzlich zu vermeiden", da das Glas oder die Befestigung brechen könnten.
Die Feuerwehrexperten der Länder, die sich kürzlich in Koblenz trafen, wollen das Thema indes grundsätzlicher anpacken. Neben Erfassung und Kennzeichnung aller Fotovoltaikanlagen fordern sie vor allem "eine sichere Abschaltmöglichkeit des erzeugten Gleichstromes". Diese solle direkt an den Modulen geschaffen werden, damit die Spannung 120 Volt nicht überschreite. Außerdem müssten sich die Anlagen zentral außer Betrieb setzen lassen und im Störfall automatisch abschalten.
Auch ins Baurecht, fordern die Experten, müssten künftig im Blick auf den Brandschutz technische Regeln für Solarstromanlagen aufgenommen werden; bis jetzt suche man danach vergeblich. In der Landeshauptstadt Stuttgart, wo auf Dächern verstärkt Sonnenstrom erzeugt werden soll (siehe StZ vom Montag), ist man durch den Fall im fernen Ostfriesland ebenfalls sensibilisiert. Für den Branddirektor Frank Knödler sind die neuen Risiken bundesweit ein aktuelles Thema: "Auch wir müssen uns jetzt mit größeren Fotovoltaikanlagen auseinandersetzen."

Weitere Informationen (Beispiele):
° Photovoltaikanlagen - Hinweise für den Einsatzleiter (Leitfaden der LFS BW vom 26.01.2009)
° Die Angst vor Feuer wächst (Bericht Ines Rutschmann, in: Photon, 30.03.2010)
° Sotech GmbH, Stolberg - Brandschutz für PV-Anlagen (Informationsseite)
° Merkblatt: Einsätze an Photovoltaik-Anlagen (Solaranlagen zur Stromgewinnung) (VFDB, Januar 2007)
° Merkblatt Einsatzhinweise für Vorkommnisse im Bereich von Photovoltaik-Anlagen (Brandschutz, 01.11.2004)
° Photovoltaik-Anlagen - Hinweise für den Einsatz (Bericht Peter Schmid, in: Brandschutz, H.11/2004)
